Der ontologische Schock
Was passiert mit uns als Individuen, als Gesellschaft, als Spezies, wenn wir die Gewissheit haben, dass es eine nicht-menschliche Intelligenz gibt, die uns weit überlegen ist? Und damit ist nicht die künstliche Intelligenz gemeint.
Luk Schmid
5/29/2026
Länger als sonst habe ich darüber nachgedacht, ob ich zu diesem Thema einen Blogartikel schreiben soll. Warum? Weil ich finde, dass das Thema eine Brisanz hat, wahnsinnig polarisiert und auch ein nicht unerhebliches Stigma mit sich trägt. Es geht um die UAP-Files, vielleicht im Volksmund verständlicher als UFO-Akten bekannt, die von der US-Regierung gegenwärtig in Tranchen veröffentlicht werden. UAP steht übrignes für "Unidentified Anomalous Phenomena" (Unidentifizierte anomale Phänomene) und hat den veralteten, stigmatiserten UFO-Begriff mehr oder weniger abgelöst.
Da ich in diesem Artikel weniger auf den Inhalt dieser Akten eingehen möchte, sondern vielmehr auf die möglichen Auswirkungen dieser Veröffentlichungen, setze ich voraus, dass ihr, liebe Leserinnen und Leser, zumindest schon einmal von den neu zugänglichen „UFO Files“ gehört habt.
Es sind aufregende Zeiten und das Thema ist umfangreich. Die Vorgeschichte dieser nun öffentlich einsehebaren und bis vor kurzem noch geheimen Akten, sollte unbedingt in den Kontext einbezogen werden. Dazu zählen diverse Aussagen ranghoher CIA, US-Airforce und US-Navy-Whistleblower, die zweifellos das Narrativ einer möglicherweise existierenden „non-human Intelligence“ stützen. Wie zum Beispiel während der Anhörung des ehemaligen US-Geheimdienstoffiziers David Grusch, der im Juli 2023 unter Eid vor dem US-Kongress erklärte, die USA seien sich wahrscheinlich seit den 1930er Jahren über „nicht-menschliche“ Aktivitäten bewusst. Ob diese Personen tatsächlich die Wahrheit sagen, kann ich nicht beurteilen. Genauso wenig wie ich beurteilen kann, ob die US-Regierung es hier mit der Wahrheit genau nimmt. Tendenziell war der Trump-Administration in der Vergangenheit die Wahrheit nur dann wichtig, wenn sie nützlich war. Nicht zuletzt, weil der amtierende Präsident, den ich im Allgemeinen als völlig inkompetenten Leader und notorischen Lügner bezeichnen würde, dem jedes Mittel recht ist, um von ganz anderen Akten, die die Öffentlichkeit interessieren, abzulenken.
Was bleibt, ist die Tatsache, dass auch wenn mittlerweile eine beachtliche Anzahl hoher Militärs, die mit Sicherheit auch einen Ruf zu verlieren haben und seriös wirken, ihre Aussagen am Ende nichts weiter als Behauptungen sind. Mit seriöser Wissenschaft hat das alles an dieser Stelle noch gar nichts zu tun. Und im Zeitalter von Fake News, alternativen Fakten und KI-generierten Deepfakes sollte man grundsätzlich mit einem präzisen, kritischen Blick filtern.
Viel spannender finde ich die Frage, wie wir als Gesellschaft (und nicht zuletzt wie die Wissenschaft) mit der Erkenntnis umgehen sollen, dass zumindest von höchster offizieller US-amerikanischer Stelle behauptet wird, dass es Aktivitäten und Ereignisse gibt, die selbst den Experten und Expertinnen ein Rätsel sind. Für mich selbst kann ich diese Frage zumindest teilweise bereits beantworten, auch wenn sie sich nicht in zwei, drei Sätzen erklären lässt. Aber Lasst es mich versuchen:
Hinsichtlich meiner beruflichen Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter, der sich mit Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftsvermittlung zu den Themen Raumfahrt und Astronomie beschäftigt, muss und will ich ganz klar Position beziehen. Es gibt keine stichhaltigen Indizien und schon gar keine belastbaren Beweise dafür, dass Aktivitäten einer uns technologisch überlegenen, nicht-menschlichen, geschweige denn außerirdischen oder interdimensionalen Intelligenz existieren. Ich bewege mich beruflich in einem akademischen Umfeld von Astrophysiker:innen, Astrobiolog:innen und Raumfahrtexpert:innen, und ausnahmslos alle, mit denen ich spreche, sind nicht nur skeptisch, was das Thema betrifft, sondern winken eigentlich ohne zu zögern sofort ab. Bloße Aussagen, auch wenn sie von hoher politischer oder sonstiger ranghoher Instanz kommen, tragen nichts dazu bei, zu dem erhärteten Schluss zu kommen, dass es Aliens tatsächlich gibt, und noch weniger, dass sie bereits hier sind. Auffällig ist auch, dass weltweit eine überwältigende Mehrheit aller Expert:innen, die sich mit Kosmologie, Astrobiologie und Astrophysik beschäftigen, bestätigt, dass wir weder Spuren noch Beweise für die Existenz von ausserirdischem Leben haben. Menschen also, die von Berufs wegen den "Sternenhimmel" observieren und sich tagtäglich damit beschäftigen, nach Exoplaneten, biochemischen Verbindungen im Weltraum oder sogar direkt nach Spuren von Leben (zum Beispiel auf den Eismonden des Jupiter oder auf dem Mars) zu suchen. Niemand konnte bisher den notwendigen Beweis liefern, dass wir nicht allein im Universum sind. Das sind die Fakten, wie sie uns die Fachwelt liefert, bzw. bestätigt, dass es eben keine Fakten gibt, die in dieser Angelegenheit irgendetwas für die Existenz von ausserirdischem Leben beweisen würden.
Privat sehe ich es tatsächlich etwas anders und ich muss sogar eingestehen, dass ich hier manchmal mit inneren Widersprüchen hadere. Ich liebe Science-Ficiton. Ich schreibe Science-Fiction. Allein deshalb kann ich mich dem Thema nicht einfach entziehen. Völlig unmöglich. Nicht nur, weil ich darüber schreibe, sondern auch, weil es mich brennend interessiert, ob wir allein «im Dunkeln Wald» leben oder nicht. Selbstverständlich lasse ich mir keinen Sand in die Augen streuen und die rationale Skepsis schwingt immer mit.
Aber selbst in wissenschaftlichen Kreisen tut sich etwas: Das Thema kommt zwar zögerlich, aber stetig aus der Schmuddelecke heraus ins noch gedimmte Rampenlicht der Seriösität. Auch in Europa. An der Universität Würzburg zum Beispiel gibt es bereits ein Institut, das sich mit der wissenschaftlichen UAP-Forschung befasst. An verschiedenen Instituten gibt es interdisziplinäre Forscher:innen, die sich als Exosoziolog:innen bezeichnen – Fachpersonen, die sich mit der Soziologie außerirdischer Zivilisationen und einem möglichen "Erstkontakt" beschäftigen. Das Feld ist zugegeben hochspekulativ und gehört zu der theoretischen Disziplin der SETI-Forschung (Search for Extraterrestrial Intelligence). Diese Entwicklungen, die den Diskurs fördern, empfinde ich als sinnvoll, ja sogar als absolut notwendig und bringen uns der Thematik Schritt für Schritt näher.
Das zu Beginn erwähnte Stigma, sich wissenschaftlich mit dem Thema zu befassen, hat vielleicht dazu geführt, dass sich in der Vergangenheit nur sehr wenige Wissenschaftler:innen trauten, sich aufs dünne Eis zu begeben und sich womöglich durch den im Allgemeinen schlechten pseudowissenschaftlichen Ruf von UAPs bzw, UFOs selbst zu diskreditieren. Das UAP-Phänomen zeigt nämlich ein soweit ich weiss einzigartiges, aber auch ernsthaftes Dilemma der wissenschaftlichen Methoden auf: Neben Karl Poppers Kernprinzip der Falsifizierbarkeit – also dass eine wissenschaftliche Aussage durch Beobachtungen oder Experimente widerlegt (falsifiziert) werden kann – gibt es auch das Prinzip der Replikation oder der Reproduzierbarkeit. Besonders Letztere erschweren die seriöse UAP-Forschung. Oder vielleicht besser ausgedrückt: sie sind so nicht anwendbar. Replikation bedeutet in der wissenschaftlichen Methodik die unabhängige Wiederholung einer Studie oder eines Experiments, um zu überprüfen, ob die ursprünglichen Ergebnisse unter ähnlichen oder identischen Bedingungen bestätigt werden können. Aber UAP-Phänomene treten spontan und selten auf, können nicht reproduziert werden, sind nicht planbar und somit keinem seriös geführten Experiment zugänglich. Die fundamentalen und zweifelsfrei mit bestem Wissen und Gewissen erarbeiteten wissenschaftlichen Methoden greiffen hier nicht. Auch dieser Umstand verhindert also zu einem gewissen Grad den seriösen Umgang mit diesem Grenzbereich der Forschung und schliessen ihn im Umkehrschluss praktisch aus. Wenn die Offenlegung der UAP-Files durch die US-Behörden zumindest diese Diskussion anstoßen und sich so neue, gangbare Wege der Wissenschaft eröffnen, dann ist schon viel gewonnen. Es gibt nämlich bereits Bestrebungen, dieses Dilemma im Hinblick auf UAP-Forschung zu beheben, um zusätzliche, maßgeschneiderte Fragestellungen und Prinzipien zu entwickeln, die dem Thema in wissenschaftlichen Kreisen wieder zu mehr Anerkennung und Legitimation verhelfen könnten. Die SOL-Foundation erarbeitet gegenwärtig solche neuen Leitfäden.
Aber nehmen wir einmal an, die US-Regierung veröffentlicht in naher Zukunft hochaufgelöstes Videomarerial das jeglicher Prüfung auf Echtheit standhält, ja womöglich den ultimativen Beweis, dass es in unserer Realität Entitäten gibt die uns tehchnologisch und womöglich auch kognitiv weit voraus sind. Schlicht und ergreiffend, den endgültigen Beleg, dass wir nicht allein sind. Was würde das mit uns uns als Spezies anstellen? Die vorhin erwähnten Exosoziologen befassen sich genau mit diesen Fragen und möglichen Auswirkungen auf die Menschheit - und sie sind sich einig: Die Existenz einer höher entwicketlen, nicht-menschlichen Intelligenz durch Ausserirdische würde einen sogenannten ontologischen Schock auslösen. Die Ontologie ist ein zentrales Teilgebiet der Philosophie und beschäftigt sich mit der grundlegendsten aller Fragen: Was existiert überhaupt, und wie ist die Wirklichkeit aufgebaut? Sie fragt nicht nach einzelnen Dingen oder Ereignissen, sondern nach den tiefsten Strukturen des Seins selbst. Dabei geht es um Kategorien wie Raum, Zeit, Identität, Materie oder Kausalität. Philosophen wie Aristoteles oder Kant haben sich intensiv mit ontologischen Fragen befasst und bis heute ist die Ontologie ein Forschungsfeld, das in der Psychologie, der Physik und der Theologie eine Rolle spielt.
Der ontologische Schock beschreibt also ein Ereignis, das genau diese tiefsten Grundannahmen über die Wirklichkeit erschüttert. Gemeint ist damit ein Moment, in dem das bisherige Weltbild einer Person, oder eben im Extremfall einer Spezies, so grundlegend in Frage gestellt wird, dass die gewohnten Deutungen und Kategorien schlicht nicht mehr ausreichen, um das Erlebte einzuordnen. Das kann durch eine schwere Diagnose, den Verlust eines nahestehenden Menschen, eine tiefe spirituelle Erfahrung oder auch durch philosophische und wissenschaftliche Einsichten ausgelöst werden.
Die Frage nach der Existenz außerirdischen Lebens ist also nicht nur eine naturwissenschaftliche, sondern auch eine ontologische. Solange der Mensch sich als einzige intelligente Lebensform im Universum betrachtet, nimmt er eine Art Sonderstellung ein. Religion, Philosophie, Kultur und Selbstverständnis sind über Jahrtausende hinweg auf dieser Annahme aufgebaut worden. Der Mensch ist in diesem Bild der Mittelpunkt, der Beobachter, der Sinnstifter. Würde nun der Kontakt mit einer außerirdischen Intelligenz bestätigt, fiele dieses Fundament schlagartig und radikal weg. Es wäre kein gewöhnlicher wissenschaftlicher Fortschritt, sondern ein Schock im tiefsten Sinne: Die Menschheit müsste ihre gesamte Stellung im Universum überdenken. Wer oder was sind wir, wenn wir nicht allein sind? Sind unsere Werte, unsere Moral, unsere Götter, unsere Geschichte aber auch unser Verständnis der Physik noch universell gültig oder sind sie nur lokale Phänomene, die auf banale Unwissenheit zurückgehen, erarbeitet von einer kognitiv unterentwickelten Spezies auf einem kleinen, blauen Planeten in einer unauffälligen Galaxie?
Besonders brisant wäre die Frage, wie weit eine solche Zivilisation uns möglicherweise voraus wäre. Eine Intelligenz, die technologisch oder geistig weit über uns steht, würde unser arrogantes Bild vom Menschen als Krone der Schöpfung nicht nur relativieren, sondern endgültig auflösen. Das könnte bei vielen Menschen tiefe Sinnkrisen, aber auch eine neue Art von Demut auslösen. Die Auswirkungen sind schlicht nicht vorhersehbar und bergen immenses Konfliktpotential. Aber vielleicht auch Chancen.
Die Religionen der Welt wären fundamental herausgefordert. Viele theologische Systeme setzen voraus, dass der Mensch das einzige oder zumindest das wichtigste geistige Wesen im Universum ist. Die Existenz anderer intelligenter Wesen würde diese Erzählungen nicht zwingend zerstören, aber sie müssten tiefgreifend neu interpretiert werden.
Unsere Wissenschaften, vor allem die Physik, müssten sich eingestehen, dass sie über Jahrhunderte vielleicht nicht direkt falsch lagen, aber fundamentale Erkenntnisse schlicht übersehen haben. Schlagartig würde uns bewusst, dass wir demütigend weit davon entfernt sind, die Natur tatsächlich zu begreifen. Wenn plötzlich klar wird, dass es Technologien gibt, die unsere bekannten Naturgesetze aushebeln, wird uns bewusst, dass physikalische Grundkräfte vielleicht doch nur optional sind.
Letztlich würde ein solches Ereignis wahrscheinlich das größte kollektive Umdenken in der Geschichte der Menschheit auslösen. Einen Schock, aus dem eine völlig neue Vorstellung davon entstehen könnte, was es bedeutet, ein Mensch in diesem Universum zu sein.
Angenommen, es gäbe solide Beweise für eine existierende, intelligente nichtmenschliche Spezies, dann ist davon auszugehen, dass die "Gatekeeper", also die Personen, die diese Beweise unter Verschluss halten, sich dieser Fragen bewusst sind. Und vielleicht ist das der Grund, weshalb uns bis heute eine mögliche Wahrheit verschwiegen wurde.
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